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Zu wenig Aufmerksamkeit – Die Spirale wirtschaftlicher Mittelmässigkeit

Markus Reitzig, 2019

Jedes zweite Jahr findet am dritten Juniwochenende in Wien eine Konferenz von Innovations- und Organisationsforschern statt. Wissenschaftler diskutieren noch unveröffentlichte Ergebnisse dazu, wie neue Technologien und Produkte entstehen, und was Gesellschaft und Firmen dazu beitragen können.

 

Ein Vortrag erregt in diesem Sommer besondere Aufmerksamkeit. Eine Gruppe von Forschern aus New York ist der Frage nachgegangen, wie sich das massive Wachstum von Indexfonds auf das Innovationsverhalten von Firmen in forschungsintensiven Branchen niederschlägt.

 

Indexfonds versuchen, für ihre Anleger eine durchschnittliche Marktrendite zu erwirtschaften. Dazu kaufen Fondsmanager Aktien von all denjenigen Unternehmen, mit denen sie die Marktentwicklung abbilden wollen. Von Interesse ist für den Indexfondsmanager die durchschnittliche Gewinnentwicklung über alle Unternehmen in seinem Besitz. Das einzelne Unternehmen bekommt von ihm weit weniger Aufmerksamkeit als von einem sogenannten aktiven Investor, der gezielt in einzelne Firmen investiert. Wächst der Anteil der Indexfonds im Vergleich zu klassischen Investoren, erhalten Unternehmen im Fonds also mehr finanziellen Spielraum bei gleichzeitig sinkender Aufmerksamkeit der Investoren.

 

Die Ergebnisse der Kollegen aus Amerika zeigen, dass sich diese sinkende Aufmerksamkeit seitens der Geldgeber subtil auf die Unternehmen auswirkt. Konkret sinkt ihre Bereitschaft, in radikale und wirklich unsichere Projekte zu investieren, deutlich. Denn solange sie es schaffen, die durschnittlich an sie gestellte Erwartung der Investoren zu befrieden, solange droht ihnen auch kein Ungemach.

Ich lehne mich zurück und hänge während der Diskussion meinen eigenen Gedanken nach.

 

Als Gesellschaft brauchen wir Firmen, die echtes Risiko übernehmen wollen und können. Technologischer Fortschritt ist nicht zu erreichen, ohne dass Unternehmen experimentieren, Fehler machen, und dabei (teilweise viel) Geld verlieren. Potentiell umso mehr, je radikaler ihre geplanten Entwicklungen. Forschung und Entwicklung sind teuer, aber unabdingbar, wenn man nicht das Entdecken neuer Möglichkeiten den anderen überlassen will oder als gänzlich unnötig erachtet. Wenn wir das Geld aber zusehends mehr denen hinterherwerfen, die gerade kein wirkliches Risiko mehr eingehen wollen, dann erreichen wir auf lange Sicht das Gegenteil.

All‘ dies werden einzelne Kleinanleger, die kostengünstige ETFs kaufen, nicht im Alleingang ändern. Viele können oder wollen ja gerade nicht aktiv investieren, verstehen viel zu wenig von den Unternehmen, denen sie ihr Geld anvertrauen, und sind mit einer durchschnittlichen Marktrendite zufrieden. Mich eingeschlossen.

 

Ob wir als Gesellschaft eine zunehmende Orientierung unserer Industrie an einer solchen Mittelmäßigkeit zulassen wollen, das sollten wir uns jedoch vielleicht fragen. Ob und wie weit wir der möglicherweise zunehmenden Risikolosigkeit der Märkte etwas entgegensetzen wollen. Was wir bereit sind zu tun, damit gerade auch diejenigen Firmen Mittel bekommen, die höher springen wollen als der Rest der Herde; oder in eine andere Richtung, die für uns als Gesellschaft womöglich wichtiger ist als für das Unternehmen selbst. Wie wir ihnen auf die Beine helfen wollen, wenn sie dabei stürzen. Und wem wir Beine machen wollen, weil er bereits Privilegien geniesst, damit er Risiko übernimmt, aber es nicht tut.

Was machen wir beispielsweisse, wenn niemand mehr in neue Antibiotika investieren will, weil das „Risiko zu hoch ist“ verglichen mit anderen Investitionen? Federn wir kleine Unternehmen ab? Erinnern wir die grossen an ihre Privilegien und Verantwortung? Oder erhöhen wir die Erfolgsprämie? Oder leben wir lieber mit dem Risiko von Resistenzen? Verdient all‘ das nicht etwas mehr unserer Aufmerksamkeit?

 

Pharmakonzerne stoppen Entwicklung von Antibiotika

… Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums kostet mehrere Hundert Millionen Euro. Bei einer erfolgreichen Zulassung des Mittels kommen die Ausgaben für Herstellung, Vertrieb und Vermarktung hinzu. Kleine Unternehmen, die keine zusätzlichen Einnahmen etwa durch lukrative Arzneimittel aus anderen Bereichen haben, können diese Kosten in der Regel allein nicht stemmen….

… Der Grund für den Rückzug der großen Pharmakonzerne aus diesem Bereich sind offenbar wirtschaftliche Erwägungen. Mit Antibiotika lässt sich deutlich weniger Geld verdienen als beispielsweise mit Krebsmedikamenten oder Mitteln gegen chronische Erkrankungen…

… Es gebe zurzeit einfach keinen Markt für Antibiotika. Er [Cueni, Generaldirektor IFPMA] kenne keine Firma, die gegenüber ihren Eignern verantworten könne, in Bereiche zu investieren, wo es ein sehr hohes Risiko gebe, dass die Forschung nicht erfolgreich sei – und falls doch, kriege man kein Geld dafür, sagt Cueni.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2019