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Kollektive Aufmerksamkeit – exhibitionistisch, voyeuristisch, gesund?

Markus Reitzig, 2019

Meine siebenjährige Tochter fragt mich, ob auch Kinder berühmt sein können. Ich erkläre ihr, dass es zwei Wege gebe, in der heutigen Zeit von vielen Menschen gekannt zu werden. Vollständig durchschnittlich oder ganz und gar anders als das Mittelmaß zu sein. Als Darsteller bei einer TV reality show beispielsweise. Oder aber als tragisches Opfer äußerer Umstände. Oder Wunderkind mit besonderen Talenten.

 

Ich denke über meine eigene Antwort nach. Seit wann schenken wir der absoluten Mittelmäßigkeit unsere Zeit? Seit wann belästigen wir Personen in Not geradezu voyeuristisch mit unserer Aufmerksamkeit?

 

Im Jahre 1994 veröffentlicht der Autor Stefano Benni in „Die letzte Träne“ eine wunderbar schwarz-humoristische Kurzgeschichte mit dem Titel „Papa kommt ins Fernsehen“. Im Wohnzimmer einer typischen italienischen Kleinfamilie kommen Angehörige und Freunde des Protaganisten zu einer Feier zusammen. Der Vater, eine ganz und gar durchschnittliche Person, nimmt an einer Sendung im Fernsehen teil. Zu sagen hat er nichts, jedenfalls nichts von Bedeutung. Erst am Ende erfahren wir, dass die Ausstrahlung seiner live Hinrichtung gewidmet ist. Nach dem Verlust seiner Arbeit hatte der Mann eines Tages einen Supermarkt überfallen. Beim Auslösen des Alarms durch die Kassiererin hatte er unkontrolliert um sich geschossen und dabei zwei Kunden getötet. In der Geschichte wird er für die Tat zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt.

 

Was damals als science fiction geschrieben war und anmutete, das erscheint heute weit weniger surreal. Personen ohne sichtbar besondere Fähigkeiten und Verdienste werden zu medialen Kultfiguren. Die Not einzelner wird massentauglich aufbereitet, mit zumeist zweifelhaftem Vorteil für die Opfer. Oft kombinieren fragwürdige TV Formate beides in einem.

Die Antwort meiner Tochter holt mich aus meinem Tagtraum zurück. Wunderkind zu sein, das würde ihr gefallen. Denn als Wunderkind beherrsche man Dinge, die andere nicht tun können, fast wie ein Zauberer.

Wer anderen an Fähigkeiten überlegen ist, der gewinnt an Status. Führende Evolutionstheoretiker stimmen überein, dass das Streben nach Status eine der zentralen Antriebsfedern menschlichen Handels ist. Es ist ein Trieb nach kollektiver Aufmerksamkeit und Respekt anderer, der dem Überleben des einzelnen dient und – wenn Status meritokratisch vergeben wird – auch der Gesellschaft.

Menschen hingegen, die Berühmtheit um jeden Preis anstreben, wollen damit zumeist ein Gefühl von Vernachlässigung und Zurückweisung ausgleichen. Die, die Berühmtheit in der Not erfahren, sind bereits vernachlässigt.

 

Ich bin froh, dass meine Tochter letztlich nur nach Status strebt. Dass sie kein Wunderkind ist, das wird sie verkraften. Wichtig ist vielmehr, daß sie sich scheinbar nicht vernachlässigt oder zurückgewiesen fühlt.

 

Aber wem sollten wir kollektive Aufmerksamkeit wirklich schenken und wofür? Und wie viele fühlen sich eigentlich bereits so zurückgewiesen, dass sie Aufmerksamkeit um jeden Preis anstreben?

 

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